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"Halt"
Heute bin ich vom Gewitterplatzregen überrascht worden. Regenschirm besitz’ ich nicht, Regenjacke noch weniger. Kurz - ich war letzten Endes völlig durchgeweicht. Alle frischgewaschenen Klamotten waren trotz Rucksack auch nass geworden - nur der Knipskasten ist trocken geblieben, der war nämlich mittendrin. Ich hatte heute nichts Trockenes zum Anziehen.

Ich würde gerne mal andere Leute in der gleichen Situation sehen. Mich interessiert, was die machen würden - wahrscheinlich 'nen Taxi rufen, hab' ich recht? Leute mit viel Kohle in der Tasche rufen sich doch beim kleinsten Nieselregen ein Taxi oder ein eigenes Auto, und wenn sie nass werden, dann gönnen sie sich hinterher eine warme Dusche. Aber so schlimm fand ich das gar nicht, wenn ich nur nicht so'n Haufen Klamotten am Leib gehabt hätte. Und den Rucksack. Eigentlich war's wie 'ne Angenehme Dusche - auch nicht sehr kalt. Es war richtig schön, wenn man's genau nimmt... Nicht zu vergleichen mit einer »richtigen« Dusche aus'm Wasserhahn.

Heute hab' ich etwas erlebt, was mich wirklich fesselt. Ich war heute in Halle - an einem gewöhnlichen Donnerstag und auf der beliebtesten Einkaufsstraße hab' ich etwas gesehen, was normalen, wohlhabenden Bürgern scheinbar überhaupt nicht auffällt.
Plötzlich überholen mich 3 Kinder Hand in Hand bzw. Arme um Schultern - im Eilschritt, sprechen von »endlich ... etwas kaufen können ... für 25 DM ... so irre viel Geld ...« Sie waren vielleicht 7 oder 8 Jahre alt und gekleidet wie vor 'nem halben Jahrhundert. Zwei Jungen und ein Mädchen (glaube ich) in zerlumpten, schmutzigen Klamotten. Der Junge ganz links hatte eine für sein Alter völlig untypische »Frisur« - Er hatte fast schulterlange, dunkle locken. Alle drei waren sie völlig untypisch. Sie waren »lebensfähiger« als ihre Altersgenossen und sie hielten zusammen. Das war stark zu spüren - ich glaube, diese Kinder nehmen versprechen viel ernster, als jeder »Normalbürger«. Aber sicher hatten sie keine schöne Kindheit (bzw. haben). Wenn überhaupt. Wer kümmert sich um solche jungen Straßenkinder, frage ich mich! Wer? Wenn die erwischt oder aufgegriffen werden, landen sie wahrscheinlich sofort wieder in ihrer »defekten« leiblichen Familie oder im Heim, wo sie seelisch zugrunde gehen. Sie können sich doch am wenigsten gegen brutale Eltern oder Erzieher wehren.

Für Straßenkinder ab 13 Jahren gibt es vielseitige Einrichtungen, aber was ist mit den jüngeren? Müssen die ein gefahrenvolles verstecktes Leben führen, bis sie endlich 13 sind??? Ist das nicht verantwortungslos? Ich hatte große Mühe, sie »in die Kamera einzufangen« - sie hatten es zweifellos sehr eilig und waren zweifellos auch angstvoll. Aber ein Großteil der Menschheit glaubt ja sowieso, Straßenkinder gibt es nur in Bogota...
(Durch das Gerenne... Ich hoffe, das Bild ist nicht!!! Verwackelt.)
Sogar junge erwachsene Obdachlose haben Angst, erkannt zu werden. Als ich welche ganz offensichtlich fotografierte, die mich nicht kennen, verdeckten die auch ganz ängstlich ihre Gesichter (Das war mit Absicht so gemacht, dass ich sie so offensichtlich knipste, meine ich). Andere fragten, ob das auch ja nicht veröffentlicht würde. Leute, die mich kennen, fragen nicht, weil sie Bescheid wissen.

Noch etwas möchte ich der Welt nahe legen, über noch jüngere Arme erzählen. In der selben Einkaufsstraße in Halle, nur ein Stück weiter, fiel mir ein alter Kinderwagen auf, den ich erst nicht weiter beachtete. Als aber dann der Säugling zu schreien anfing, war meine ganze Aufmerksamkeit bei diesem kleinen Menschen, der schon beachtlich viel Haare hatte. Er hatte schon einen richtigen Wuschelkopf und das ist ungewöhnlich für das Alter. Diese Besonderheit fesselte mich und ich bemerkte, wie ärmlich es gekleidet war, zugedeckt nur mit einem alten Fell. Aber die Beruhigungsversuche des alten Mannes, der den Kinderwagen durch die Straßen schob, waren rührend und sehr liebevoll; so sehr, dass man es spüren konnte, er war auch in zerlumpten Klamotten, logisch.
Durch so einen Fotowettbewerb wird man viel, viel sensibler für das, was um einen herum außerdem noch passiert, sonst ist man viel zu sehr auf seine eigenen Probleme fixiert.
Oh, ich merke gerade... Ich habe meine poetisch-lyrische Phase ...

Cattaryna B.